A City Is Not a Tree.
(Christoph Alexander, 1965)

 

 

 

Die Thematik Smart City polarisiert Gesellschaft, Politik und Fachkreise in Deutschland. Nachfolgende Überschriften unterschiedlicher Medien verdeutlichen diese Tendenzen:

  • Absatzwirtschaft, 08.08.2017: “Gute Aussichten für den Smart-City-Markt: Umsätze sollen sich auf 43,8 Milliarden Euro verdoppeln”
  • Süddeutsche Online, 25.08.2017: “Smart City: Ein schmaler Grat zum Polizeistaat?”
  • Wired Online, 19.09.2017: “Deshalb brauchen wir Smart Cities in Deutschland”

Bemerkenswerterweise existiert der Begriff Smart City bereits seit über 20 Jahren, doch die Realität in den Städten Deutschlands und Europas hinkt der Vision hinterher. Smart Cities sind derzeit vor allem medial in Form von reißerischen Schlagzeilen und überschaubaren konkreten Projekten und Ideen präsent. Führende Beratungsfirmen veröffentlichen zunehmend Studien und Grafiken mit wagen Prognosen zur vermeintlichen Stadt der Zukunft. Nüchtern betrachtet der BBSR:

Smart City dient derzeit als Schlagwort und Oberbegriff für die Entwicklung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) in allen Bereichen der Stadtentwicklung.

IKT lässt sich in die Bereiche Informationstechnik bzw. Informationstechnologie und Telekommunikation einteilen. Informationstechnik-Systeme sind Arten von Systemen zur Aufnahme, Speicherung, Verarbeitung und Übermittlung von Informationen in Form von Sprache, Daten oder Bildern, die als Komponenten in Informationssysteme eingebettet werden können. Dies umfasst sowohl als Hardware als auch Software.

Die Entwicklung neuer Informations- und Kommunikationstechnologie, welche häufig unter dem Schlagwort Digitalisierung zusammengefasst werden, ist mit fundamentalen Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und damit alle Teile der Bevölkerung verbunden. Das Internet lässt die Kosten der Distribution faktisch gegen 0 laufen und dominante Internetunternehmen profitieren von neuen, globalen Skaleneffekten und damit einer neuen Leistungsfähigkeit und Wettbewerbsvorteilen.

Im urbanen Kontext verweist insbesondere Michael Batty auf die Bedeutung von Schumpeter, der die Forschungsarbeiten von Kondratieff zu den Theorien der Langen Wellen in der Mitte des 20. Jahrhunderts popularisierte. Ein Kernprinzip dieser Innovationstheorie ist die Neuentstehung durch unternehmerische Wertschöpfung sowie die schöpferische Zerstörung. Carlota Perez erweitert die Theorie Schumpeters um techno-ökonomische Paradigmen, sodass neue Technologien zu neuen oder veränderten Infrastrukturen führen. Zu den wichtigsten Erkenntnissen der Studien von Perez zählt, dass neue Technologien im Zeitverlauf entlang einer logistischen Kurve (S-Kurve) adaptiert werden, wodurch unterschiedliche Phasen entstehen. Gemäß der anerkannten Wissenschaftlerin befinden wir uns demnach in der Entwicklungsphase der 5. Technologischen Revolution.

Ebenso verdeutlicht eine gängige Interpretation der sogenannten K-Wellen, dass wir uns nun am Ende der fünften Welle befinden, die mit Aufkommen erster kommerzieller Computer und Firmen wie Intel, Apple oder Microsoft in den 1970er Jahren begann und zur Informationsrevolution führte. Wir befinden uns daher an einem Wendepunkt in Richtung der sechsten K-Welle, womöglich in Richtung einer Vision of a Green Global Age. Im Kontext der Städteforschung finden sich bislang jedoch keine Arbeiten, die sich mit den Auswirkungen einer sechsten K-Welle auf städtische Leitbilder und Prozesse beschäftigen. Der renommierte Stadtplaner und Geograph Michael Batty erwägt eine erneute Veränderung von Angebots- und Nachfragestrukturen, sodass Städte im 21. Jahrhundert – womöglich sogenannte Smart Cities – deutlich dezentraler und in kleineren Einheiten funktionieren als zu Zeiten der Industrialisierung.

Als Spitzenverband der Stadtentwicklungsplanung setzt sich der Deutscher Städtetag kritisch mit der Rolle von IKT sowie den zunehmenden Normierungen und standardisierten Produkten in der Stadtplanung auseinander. Das Präsidium wendet sich wiederholt „entschieden gegen jegliche Versuche des Deutschen Instituts für Normung e. V. (DIN) oder anderer normsetzender Institute, Inhalte, Verfahren und/oder Prozesse der Stadtentwicklungsplanung zu normieren.“

Der Städtetag spricht sich gegen eindeutige Definitionen und gesetzlich vorgeschrieben Verfahren aus, da dies die „Unterschiedlichkeit der lokalen Bedingungen und Voraussetzungen standardisierter Lösungen [ausschließt].“ Im Jahr 1905 gegründet, aus 199 Mitgliedsstädten unterschiedlicher Größenordnung bestehend, stellt der Städtetag den größten kommunalen Spitzenverband Deutschlands dar. Der Verband definiert neue Begriffe wie Smart City, Morgenstadt und Zukunftsstadt im Rahmen der integrierten Stadtentwicklungsplanung wie folgt:

Unter Smart City wird hier die durch IKT gestützte Erprobung, Nutzung und systemübergreifende Vernetzung neuer ressourceneffizienter und emissionsarmer Technologien verstanden, durch die Lebensqualität, Governance-Strukturen und Wettbewerbsfähigkeit einer Stadt nachhaltig verbessert werden sollen. Der Begriff dominiert seit Beginn der Dekaden den Diskurs zur Stadtentwicklung entscheidend.

Morgenstadt ist ein Verbundforschungsvorhaben, welches die Zukunft der nachhaltigen, lebenswerten und wandlungsfähigen Stadt von morgen vorausdenken soll.

Die Zukunftsstadt ist die Nationale Plattform Zukunftsstadt, in der Experten aus Kommunen, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft an der Verwirklichung der CO2-neutralen, energieeffizienten und klimaangepassten Stadt arbeiten.

Gemäß des Deutschen Städtetags greifen technologische Visionen einer Smart City angesichts der Herausforderungen der sozialen Integration und des räumlichen Ausgleichs zu kurz. Vielmehr müssen Aspekte wie eine langfristige Finanzierbarkeit, Nachhaltigkeit, Suffizienz und Resilienz in der Debatte berücksichtigt werden. Die Stadtentwicklungsplanung ist im Sinne einer zentralen Funktion der Daseinsvorsorge zu behandeln. Es gilt laut Städtetag die kommunale Planungshoheit.

Die in den regelmäßig veröffentlichen Positionspapieren des Deutschen Städtetages festgehaltenen Forderungen sind zweifelsohne nachvollziehbar. Mögliche Ängste des Kontrollverlusts durch die fortschreitende Privatisierung sind nicht unbegründet. Gleichzeitig dürfen diese Ängste nicht zu einer Verschlossenheit und Abschottung gegenüber privaten Unternehmen führen. Vor allem hinsichtlich der vorhandenen IT-Infrastruktur und hinsichtlich bestehender Prozesse in der öffentlichen Verwaltung, sollten kommunale Akteure eine Lernbereitschaft gegenüber den Technologieunternehmen signalisieren.

Der Bürger ist als Konsument bzw. Prosument in einer immer stärkeren Position aufgrund radikal sinkender Distanzkosten im Wirtschaftsverkehr sowie einer zunehmenden Transparenz. Alle kommunalen Aktivitäten sollten daher stets mit der Sichtweise des Bürgers und nicht den reinen Interessen der kommunalen Verwaltung beginnen.

Ebenso wie der Deutsche Städtetag beteiligt sich das DIN national, europäisch und international an der Diskussion und der Erstellung von Normen und Standards zu Smart Cities. Die aus dem mehrjährigen Prozess entstandene Definition lautet:

Smart Cities bezeichnen einen Siedlungsraum, in dem systemisch (ökologisch, sozial und ökonomisch) nachhaltige Produkte, Dienstleistungen, Technologien, Prozesse und Infrastrukturen eingesetzt werden, in der Regel unterstützt durch hochintegrierte und vernetzte Informations- und Kommunikationstechnologien.

Auf europäischer Ebene zeigt sich, dass je nach Region zahlreiche Definitionen existieren, wobei Technologien ebenfalls eine zentrale Rolle einnehmen. Das Europäische Parlament definiert Smart Cities wie folgt:

A Smart City is a city seeking to address public issues via ICT-based solutions on the basis of a multi-stakeholder, municipally based partnership.

Zu den Erfolgsfaktoren gehören auf EU Ebene Vision, People, Process. Konkreter wird das Europäische Parlament dahingehend, dass eine Smart City Strategie oder Initiative mindestens eine der folgenden sechs Charakteristika enthalten muss: Smart Governance, Smart People, Smart Living, Smart Mobility, Smart Economy, Smart Environment. Auch auf europäischer Ebene wird deutlich, dass der Begriff Smart City Überschneidungen mit Begriffen wie Intelligent City, Knowledge City, Sustainable City, Talented City, Wired City, Digital City, Eco-City aufweist. Jedoch hat sich besonders auf politischer Ebene der Begriff Smart City durchgesetzt.

Auf globaler Ebene findet sich ein dem des Deutschen Städtetages ähnlicher Ansatz, indem die Internationale Fernmeldeunion als zuständige Organisation von einer Smart Sustainable City spricht. Dieses Konzept orientiert sich an den 17 Nachhaltigkeitszielen der UN 2030-Agenda.

Ein allgemeingültiges Verständnis von Smart Cities kann nicht existieren, denn ein gesunder Stadtorganismus lebt von Vielfalt, wie die Stadtaktivistin Jane Jacobs bereits Mitte des 20. Jahrhunderts postulierte. Die Vielfalt an Konzeptionen spiegelt die Diversität von Städten wider. Im nationalen und internationalen Diskurs werden bereits Jahrzehnten stadtreformerische Ideen formuliert, um auf die Auswirkungen der Industrialisierung zu reagieren. Bemerkenswerterweise existieren gewisse Parallelen zwischen den Gartenstadt-Konzepten des frühen 20. Jahrhunderts und neuen Smart City-Modellen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Als theoretisches Grundkonzept gilt es sich auf die ersten Studien über die Stadt als System zu stützen. Berry veröffentlichte 1964 das Buch:

Cities as a system within systems of cities

Als zentraler Lebensraum der Gesellschaft setzen sich Städte demnach aus zahlreichen Subsystemen, wie Siedlungsräumen, Produktions-, Handels- oder Logistikstrukturen zusammen. Nur vier Jahre später veröffentlichte Bertalanffy auf dieser Basis seinen Seminaraufsatz General System Theory, der wiederum die Grundlage gesamtstädtischer Energiebetrachtungen, neue Sensitivitätsmodelle und auch die Resilienzforschung beeinflusst.

Systemmodelle haben das Ziel die wesentlichen Beziehungen und Wirkmechanismen zu verstehen. Ziel ist nicht die Abbildung mathematischer Systemmodelle, sondern die Reduktion der Komplexität des Untersuchungsgegenstandes, definiert über Systemgrenzen.

Der zentrale Aspekt des Konzepts der Smart City ist der Bezug auf eine gewisse Intelligenz ihrer (Sub-)Systeme, die diese Systeme zu neuen und verbesserten Ergebnissen befähigt. Gemäß diesem Modell umfasst eine Smart City als smarte, vernetzte Stadt alle Facetten des täglichen Lebens. Die sukzessive Verknüpfung vieler Lebensbereiche erzwingt auch ein neues Ineinandergreifen der technischen Bereiche. Infolgedessen reicht eine mechanistische Perspektive, eine reduktionistische Perspektive, nicht aus. Vielmehr müssen mehrere Perspektiven gewählt werden, denn das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Dieses größere Ganze kann eine Bedingung sein, die wichtige Änderungen der Gesellschaft bewirkt oder durch verbesserte Technik für Änderungen sorgt. Die Stadt und ihre Bewohner müssen auf diese Weise mit einem größeren Ganzen in Verbindung gesetzt werden.

Die Stadtentwicklung wird heute als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe unter Beteiligung aller Akteure betrachtet. Der vielschichtige Abstimmungsprozess der Stadtplanung in Verbindung mit dem Einsatz neuer Technologien und Instrumenten der Bürgerbeteiligung führt zu einer höheren Komplexität und damit zu unterschiedlichen Kollaborationsmethoden im Smart City Diskurs.

Wir werden die Diskussion an dieser Stelle fortsetzen. Weiterführende Smart City Arbeiten veröffentlichen wir demnächst auf dem Gewerbe Quadrat


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